Erfahrungsbericht von Fahrlehrer Nenad Krstic – Mitfahrtag am 4. Dezember 2025
Nenad vor dem Tiertransporter.
Als Fahrlehrer bin ich täglich mit Verkehrssicherheit konfrontiert. Heute tauche ich jedoch in eine Branche ein, die für mich Neuland ist: den professionellen Tiertransport. Ich begleite die Transportfirma Thoma Viehhandel und Tiertransport in Wolfhausen und erhalte einen unmittelbaren Einblick in einen anspruchsvollen und verantwortungsvollen Berufsalltag.
Das Familienunternehmen besteht seit 1971. Patrick Thoma übernahm den Betrieb 2018 von seinem Vater, und eigentlich ist er schon seit seiner Kindheit Teil davon. In den Schulferien war er mit seinem Vater unterwegs und fand es das Grösste, auf Tour zu sein – egal zu welcher Uhrzeit. Da Schlachttiere vom Sonntags- und Nachtfahrverbot ausgenommen sind, beginnt der Tag oft bereits um 3:00 Uhr morgens.
Heute arbeitet Patrick Thoma mit einem festangestellten Chauffeur und zwei Aushilfschauffeuren. Unser gemeinsamer Tag startet um 6:00 Uhr. Patrick fährt seinen 3-achsigen Scania V8 660S aus der Garage, und schon beim Losfahren spüre ich: Hier sitzt jemand am Steuer, der sein Handwerk im Griff hat. Die erste Fahrt führt uns nach Hombrechtikon. Es ist dunkel, dichter Nebel liegt über den Strassen, und trotzdem bewegt er den Lastwagen ruhig und souverän durch die engen Kurven des Zürcher Oberlands. Wir sind froh, dass kein Schnee liegt. Auf vielen abgelegenen Strassen kommt selten ein Schneepflug vorbei, und Schneeketten wären sonst kaum zu vermeiden.
Der Transporter ist fürs Verladen vorbereitet.
Am ersten Bauernhof werden fünf Rinder verladen, jedes bis zu 500 Kilogramm schwer. Beeindruckend ist die Präzision beim Positionieren des Fahrzeugs. Ziel ist ein möglichst direkter und stressfreier Weg vom Stall ins Fahrzeug. Patrick rangiert zentimetergenau, trotz Dachvorsprüngen, Mauern und engen Zufahrten. Hier zahlt sich die dritte gelenkte Achse aus, sie macht das Rangieren deutlich einfacher.
Jeder Handgriff sitzt – beim Fahren, Rangieren und Verladen. Die Erfahrung von Patrick Thoma ist in jedem Moment spürbar. Die Ladefläche wird korrekt eingestreut, die Tiere werden ruhig verladen und mit Trennwänden gesichert. Entscheidend ist das richtige Mass: nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Platz. Zu viel Raum erhöht die Verletzungsgefahr. Die Tierschutzverordnung (TSchV) legt den Mindest- und Maximalraumbedarf genau fest, und diese Vorgaben sind hier gelebter Alltag.
Ebenso wichtig sind die Dokumente, die bei jedem Transport mitgeführt werden müssen: Aus- und Weiterbildungsnachweis, Begleitdokumente des Tierhalters sowie eine Kopie der TSchV, Anhang 4 (Mindestraumbedarf). Wer gewerbsmässig Tiertransporte durchführt, benötigt zudem einen Fachkundenachweis im Kreditkartenformat. Dieser wird nach einer fachspezifischen Ausbildung mit Prüfung ausgestellt. Damit er gültig bleibt, ist innerhalb von drei Jahren mindestens ein Weiterbildungstag Pflicht.
Im Verlauf des Morgens fahren wir weitere Bauernhöfe in Grüningen, Uetikon, Meilen und Egg an. Gegen 8:30 Uhr, nachdem insgesamt 13 Rinder eingeladen sind, geht es zum Zentralschlachthof Hinwil bei der Lucarna Macana AG. Dort werden die Tiere über eine Anpassrampe ausgeladen, überwacht durch das Veterinäramt – wie bei jedem Entladen. Die Begleitdokumente werden abgegeben, Be- und Entladezeiten vermerkt. Tiertransporte müssen schonend und ohne unnötige Verzögerungen erfolgen. Im Binnenverkehr beträgt die maximale Fahrzeit ab Verladeplatz sechs Stunden.
Der Transporter wird gründlich gereinigt.
Nach der Reinigung trinken wir einen Kaffee mit einem Mitarbeiter von Patrick Thoma, der ebenfalls Tiere entladen hat. Dann geht es weiter zu zwei Bauern in Gutenswil und Russikon, um erneut Rinder abzuholen und zum Schlachthof zu bringen. Währenddessen klingelt das Telefon immer wieder: Dispositionen, Rückfragen der Bauern, organisatorische Abklärungen. Patrick steuert nicht nur den Lastwagen, sondern das ganze Tagesgeschäft. Und es geht nicht immer nur um Organisation. Wie sein Vater stets sagte: «Manchmal bist du auch der Seelsorger der Bauern.»
Für mich ist dieser Tag spannend und lehrreich. Ich lerne ein neues Fahrzeug kennen und eine Branche, die Professionalität und Verantwortung sichtbar verbindet. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass man selbst im vertrauten Zürcher Oberland schnell die Orientierung verlieren kann – ganz wie meine Fahrschülerinnen und Fahrschüler im Unterricht. Auch bei mir kommt der bekannte Kommentar: «Aha, jetzt sind wir wieder da.»
Mein herzlicher Dank gilt Patrick Thoma und der Transportschule AG für dieses eindrückliche Erlebnis.